Mittwoch, 28. Februar 2018

Man gibt alles, was man kann, und es ist nie genug.


Brrrrr, ist das kalt! Wer hat dieses Wetter bestellt? Und wo kommt der Schnee her? Letzte Woche, als ich in den Wetterbericht schaute, war das so nicht angesagt. Hoffentlich wird es wie angekündigt nächste Woche wärmer. Mein Herz schreit nach dem Frühling.
Das Kinderzimmer ist nun fertig tapeziert, nun muss nur noch gestrichen werden. Wir haben im Baumarkt ein blasses Gelb ausgesucht, das ist geschlechterneutral. Wir sind nun sehr gespannt, wann das alles klappen wird. Wenn es nach uns geht, natürlich eher früher als später. Andererseits, je länger es dauert, desto weiter ist  die Hausfinanzierung vorangeschritten und desto eher können wir ein sorgenfreieres Leben führen. Da mein Hormonhaushalt sich scheinbar immer noch nicht gefangen hat, habe ich auch immer noch nicht meine Periode bekommen. Wenn man aber googlet (was man eigentlich nie tun sollte :D), scheint das sehr gängig zu sein. Der Körper kennt es ja nun gar nicht mehr, ohne Zusatzhormone auf sich gestellt zu sein. Demensprechend muss er sich erst einmal umstellen, bis sich irgendwann hoffentlich so etwas wie ein regelmäßiger Zyklus einstellt. Und dann wachsen die Chancen auf eine Schwangerschaft auch. Gern hätte ich F. zu seinem Geburtstag einen positiven Schwangerschaftstest vorgelegt, nun muss er sich mit einem Simulatorflug eines Airbus genügen. Obwohl der Wunsch natürlich stark ist, möchte ich mir keinen Stress machen. Es klappt, wenn es klappt, und das ist eben dann, wenn mein Körper dazu bereit ist :)
Und sonst so?
Wir haben am Wochenende unseren Zaun in Richtung Straße weggesägt. Als der Sturm war, hat es ihn niedergelegt und so haben wir ihn einfach entfernt. Mittlerweile weiß ich gar nicht, ob wir nochmal einen Zaun dorthin machen wollen, denn es sieht eigentlich auch so ganz gut aus.
Ich glaube, ich hatte mal meine Schulfreundin erwähnt, die mit einer schweren Depression seit nun fast einem Jahr von Klinik zu Klinik und wieder nach Hause gereicht wird. Durch meinen Ex hatte ich bereits in der Oberstufe den Draht zu ihr irgendwie verloren und nach dem Abi haben wir uns genau zwei Mal bewusst getroffen: Einmal kam sie noch im Jahr unseres Abiturs kurz vor Weihnachten zu mir und hat sich ausgeheult (Beziehung in die Brüche gegangen, Studium abgebrochen). Ich habe das nicht allzu ernst genommen, denn damit kommen Menschen im Allgemeinen zurecht. Von ihrer Mutter habe ich erfahren, dass sie da schon das erste Mal in Behandlung war. Dadurch, dass ich mit meinem Ex selbst genug Probleme hatte, von denen ich dachte, mit niemandem darüber sprechen zu können (versucht habe ich es allerdings auch nie), habe ich das auch nicht weiter verfolgt. Irgendwann traf ich sie zufällig auf der Kirmes, wo sie mir erzählte, dass sie Grundschullehrerin werden möchte. Auch dieses Studium brach sie nach dem Bachelor ab (den Bachelor hat sie wohl nur auf Bestreben ihrer Mutter hin noch fertig gebracht). Danach hat sie eine Ausbildung als Büro- oder Industriekauffrau angefangen. Sie hat mich besucht, als ich endlich meinen Ex verlassen habe und eine eigene Wohnung hatte. Und letztes Jahr, während der Prüfungsvorbereitung, hat die Depression dann mit voller Wucht zugeschlagen. Sie musste sich krankschreiben lassen, weil gar nichts mehr ging, und dann ging es auch schon in die Klinik. Sie hat sich aber immer weiter zurückgezogen, ihre Gefühle gekappt, und da sitzt sie nun mehr oder minder fest: Sie fühlt nichts mehr, weder positiv noch negativ, sie kann sich nicht mehr daran erinnern, wie es war, zu fühlen, und sie hat große Teile ihrer Vergangenheit einfach weggesperrt und kommt nicht mehr heran, was ihr Angst macht. Wow. Um ehrlich zu sein, kann ich mir überhaupt nicht vorstellen, wie es ist, nichts zu fühlen. Es ging mir häufig schlecht, aber da waren definitiv Gefühle da, wenn auch negativ. Nachdem sie in zwei Kliniken war und nach der Therapiezeit, die die Krankenkasse zahlt, gehen musste, saß sie eine Weile Zuhause herum. Sie hat lange Zeit mit niemandem gesprochen. Dann kam sie in eine andere Klinik, weil ihre Mutter es nicht mehr ausgehalten hat. Die Situation zerrt an allen Familienmitgliedern. Am zweiten Weihnachtstag war sie übers Wochenende Zuhause. Ihre Mutter hat gesagt, dass ich sie einfach besuchen soll. Es war ziemlich bizarr. Sie lag auf dem Sofa, aufgedunsen vom Tavor, das sie sehr schlecht vertrug und weswegen sie regelrecht betäubt war, schaute „Michel aus Lönneberga“ und war wohl ähnlich überfordert von der Situation wie ich. Bedeutet: Ich habe ihrer Mutter an der Tür gesagt, dass sie sie fragen soll, ob ich rein darf. Ich weiß nicht, ob sie zugestimmt hat, aber sie hat auf jeden Fall nicht verneint. Und dann saß ich da, auf dem Sofa, und habe mich im Grunde mit ihrer Mutter unterhalten. Von ihr kam nichts, wenn man sie nicht direkt angesprochen hat, außer dass sie einige Male losgeweint hat. Das klingt jetzt fieser als es sein soll: Das sah aus wie eine gruselige Maske. Die ganze Zeit über hat sie nämlich sonst überhaupt keine Mimik gehabt. Wenn man direkte Fragen gestellt hat, hat sie immerhin mit „Ja“ oder „Nein“ geantwortet, und das in einer sehr leisen, piepsigen Stimme. Es war nichts mehr von der Person übrig, mit der ich in der Schule befreundet war: den ganzen Tag vor sich hinredend, während ich in meiner behaglichen Zuhörerposition bleiben konnte. Die einzige Sache, die von ihr kam, war die Frage, wie ich denn jetzt heiße, als ich von der Hochzeit erzählte. Ihr Anblick hat mich so schockiert, dass ich ein paar Mal die Tränen unterdrücken musste. Sie hat mich dann nachher immerhin mit zur Tür gebracht. Ich habe sie gefragt, ob ich sie in den Arm nehmen darf, sie zuckte mit den Schultern, da habe ich sie einfach gedrückt. Kurz vor diesem Besuch hat sie mir einen Abend lang ein paar WhatsApp-Nachrichten beantwortet. Seit diesem Besuch kommt wenig, aber immer mal wieder etwas. Ich bin die einzige Person, der sie neben ihren Eltern gelegentlich überhaupt antwortet. Warum ich dazu auserkoren wurde, weiß ich nicht. Vielleicht erinnert sie sich nicht an früher, aber irgendein Gefühl des Bekannten muss noch da sein. Wow. Eigentlich hatte ich sie nur kontaktiert, um unsere Freundschaft  von früher ein wenig wiederzubeleben. Und jetzt? Stecke ich da gefühlstechnisch voll mit drin. Wenn man die einzige außerfamiliäre Person ist, mit der sie überhaupt so etwas wie Kontakt pflegt, kann man nicht einfach wieder abtauchen.
Ihre Eltern haben sie jetzt in einer privaten Klinik untergebracht. Krankenkassen zahlen davon maximal die Hälfte. Da der Antrag bei der Krankenkasse noch nicht durch ist, ist sie momentan offiziell Zuhause, denn, so wurde ihrer Mutter gesagt, wenn sie einfach in eine Klinik geht, zahlen sie definitiv gar nichts, auch wenn die Zeit privat bezahlt wird. Was ist das denn für ein Schwachsinn? Ist es nicht sogar förderlich, wenn sie schon eine Weile so in der Klinik ist, sodass sie eventuell Fortschritte gemacht haben könnte? Da ist mir ja echt fast der Kragen geplatzt. Krankenkassen… ohne Worte. Man zahlt monatlich einen nicht geringen Betrag ein, und optimalerweise macht man nur selten davon Gebrauch. Klar, wenn mal der Blinddarm rausmuss oder gar Schlimmeres, ist man natürlich froh, versichert zu sein. Und dann wiederum machen Krankenkassen Dinge, die absolut unnachvollziehbar sind. Brustkrebsvorsorge? Nööö, erst ab einem bestimmten Alter. Darmkrebs? Nur, wenn man Risikopatient ist. Vieles zur Vorsorge, was Krankenkassen in Relation zu der Behandlung der Erkrankung, die entstehen könnte, äußerst wenig kostet, wird schlichtweg nicht gefördert. Aber ich schweife ab. Sie ist jetzt also in dieser privaten Klinik, sie tun so, als wäre sie gar nicht da (was bedeutet, dass sie auch immer wieder vom Hausarzt krankgeschrieben werden muss und Medikamente aufgeschrieben bekommt, die sie ja gar nicht braucht, weil sie sie ja in der Klinik bekommt, aber die Krankenkasse sonst stutzig werden würde…). Ihre Eltern lassen gerade einen Großteil ihrer Altersvorsorge dafür verschwinden, denn die Klinik kostet sage und schreibe 500€ PRO TAG. Sie ist jetzt vier Wochen in der Klinik und noch hat sich nichts geändert. Maximal acht Wochen können sie diesen Zustand bezahlen. Würde die Krankenkasse sich noch erbarmen, würde die jeweils verbleibende Zeit sich verdoppeln.
Ich tue das, was ich kann: Ich schreibe ihr ein- bis zweimal die Woche einen Brief. Darin versuche ich ihr zu zeigen, dass ich für sie da bin, sobald sie soweit ist, dass ich sie besuchen würde, wenn sie das wünscht, und erzähle ihr Geschichten von früher, weil sie sich ja nicht erinnert. Es fühlt sich an, als würde ich mit einem Phantom schreiben oder mit einem unsichtbaren Freund, aber ich ziehe das durch. Wenn ich gar nicht weiß, was ich schreiben soll, zähle ich irgendwelche schwachsinnigen Fakten über mich auf oder erzähle aus meinem Alltag. Schlimmer machen, als es bereits ist, kann ich wohl nichts. Ich schreibe sie auch regelmäßig bei WhatsApp an. Manchmal kommt eine Reaktion, meistens nicht. Ich habe ihren Eltern unsere alten Briefbücher aus der 5. und 6. Klasse vorbeigebracht, damit sie darin blättern kann.
Die erhoffte Wunderheilung, die sich alle bestimmt irgendwie von der privaten Klinik erhofft haben, gab es nicht. Stattdessen macht sie winzig kleine Minischritte, über die sich ihre Eltern natürlich freuen, aber auch wissen: Es reicht nicht. Niemals wird sie in dieser Geschwindigkeit innerhalb der gesetzten acht Wochen aus dem Bunker, in dem sie ihr Ich eingesperrt hat, herauskommen. Da hilft es auch nicht, dass sie täglich Therapiegespräche hat statt wie in einer normalen Klinik einmal die Woche (bitte waaaas?!). Das macht mich traurig. Sie müsste bis zum Sommer gesund werden, wenn sie ihre Ausbildung noch in der alten Firma beenden möchte. Danach steht sie ohne alles da und das weiß sie. Ich kann mir vorstellen, dass dieser Umstand ihren Genesungsprozess nicht gerade beschleunigt.
Ich würde gern helfen, aber außer den oben genannten Sachen weiß ich nicht wie. Vielleicht hilft es ihr ja schon zu wissen, dass jemand da ist, mit dem sie reden kann, wenn sie dazu bereit ist.

1 Kommentar:

  1. Ja, also es mir 100% verbieten moechte ich auch nicht mit dem Zucker, dann kommt nur erst recht Heisshunger auf. Wenn wir mal eingeladen sind, werde ich sicher auch nicht nein mal zum Dessert sagen etc. Aber das soll natuerlich nicht jeden Tag sein, leider gibt es bei uns im Buero taeglich Unmengen an Suessem und Kuchen, davon moechte ich einfach weg, gesunde Snacks helfen ja bestimmt eh viel besser ueber das Mittagstief. Gesundheit geht auf jeden Fall immer vor und ich bin einfach mal gespannt wie es mir so ergeht mit weniger / stark reduziertem Zucker. Ich druecke die Daumen fuer die Familienplanung, aber der Koerper wird es regeln wenn er soweit ist. Ich finde es bewundernswert wie sehr Du Dich um Deine Freundin kuemmerst. Einer sehr guten Freundin von mir ist es aehnlich ergangen, sie hatte Depressionen und eine selbstzerstoerische Ader und deswegen ist sie leider auch Alkoholikerin geworden und hat jeden Job wegen Alkohol verloren. Ich habe mich auch versucht um sie zu kuemmern, sie ist dann wieder zu ihrer Mutter nach Sueddeutschland gezogen, war aber oft bei mir uebers Wochenende zu Besuch. Aber irgendwann war es mir einfach zuviel und hat mich zu sehr belastet. Sie hat dann auch oft das ganze Wochenende nur geweint und wollte nicht raus gehen und ich wusste dann nicht was ich machen soll. Und sie hat immer wieder heimlich getrunken in meiner Wohnung. Sie wollte leider keine Hilfe annehmen und hat das mit dem Alkohol Problem auch nicht eingesehen, deswegen ist die Freundschaft dann auseinander gegangen. Haette sie auch so eine Therapie gemacht, haette ich sie auf jeden Fall weiter unterstuetzt, aber das ist echt nicht so einfach dabei zuzuschauen.

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