Freitag, 17. November 2017

Geschwister.


Am Wochenende feiert meine Mutter ihren Geburtstag. Aus irgendeinem Grund sind wir an dem Abend eingeladen, an dem auch all ihre Bekannten kommen. Auch meine Schwestern kommen an dem Tag. Am nächsten Tag, wenn das Kaffeetrinken mit meinen Großeltern und Onkels ist, sind die Beiden irgendwie nicht da. Wir unter Umständen trotzdem. Ich finde das seltsam geregelt, aber okay.

Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich die einzige bin, die sich ernsthafte Gedanken um die Geschenke für meine Eltern macht. Meine Schwestern kommen immer mit sehr unpersönlichen Sachen an wie Kosmetikartikel aus dem Lush oder Bodyshop…Und ich denke mir, dass meine Mutter eigentlich am besten entscheiden kann, was sie für Pflegeartikel mag. Sie hat „Bob der Streuner“ im Kino verpasst und deswegen habe ich angeregt, dass wir ihr die DVD schenken. Und einen Zimmerfarn, weil sie Farn liebt. Das ist kostenmäßig vielleicht weniger, allerdings glaube ich trotzdem, dass sie sich darüber mehr freuen wird, weil das so Sachen sind, die sie sich nie kaufen würde, einfach, weil sie nicht darüber nachdenkt. Ich mag es, mir ausführliche Gedanken darüber zu machen, damit die Leute, die ich beschenke, sich auch darüber freuen. Mir kommt es so vor, dass ich damit in der Minderheit bin.

Ich finde es erstaunlich, dass wir drei so verschieden sind. Rein optisch sehen wir alle verschieden aus wie Tag und Nacht. Charakterlich ist es dasselbe. Meine Schwestern sind beide sehr hektisch und regen sich schnell auf. Aus vielen Kleinigkeiten wird ein großes Drama gemacht. Momentan ist es bei meiner „kleinen“ Schwester so schlimm, dass ich kaum noch weiß, wie ich richtige Gespräche mit ihr führen kann, weil es immer nur um die Uni, Masterarbeit, Arbeit, Panik geht. Und zwar ausschließlich. Die Großeltern von F. haben zu mir gesagt, sie hätten meine Schwester auf der Hochzeit gern getötet. Sie waren in derselben Pension und saßen mit ihr und meinen Eltern beim Frühstück, und auch da ging es nur um Uni, Masterarbeit, Arbeit, Panik. Es hat sie ziemlich schnell genervt. Mir wäre es viel zu anstrengend, den ganzen Tag darüber zu sprechen. Und ich finde es schade, dass sie jetzt weiterhin in ihrer Hochschul-Scheinwelt lebt und nicht in das richtige Arbeitsleben eintritt, sondern ihren Doktor macht. Sie hat ihr Leben lang riesiges Glück gehabt, ihr sind viele Dinge einfach so in den Schoß gelegt worden und sie musste nie dafür kämpfen. Sie hat ungefähr das Doppelte an Geld zur Verfügung gestellt bekommen, was ich am Anfang des Studiums hatte. Sie konnte zu meiner anderen Schwester ins gemachte Nest ziehen, weil die zufällig in derselben Stadt einen Job gefunden hat, wo meine Schwester studieren konnte. Und selbst jetzt, bei den Bewerbungen, hat sie auf alle drei Stellen direkt eine Zusage bekommen, weil das alles keine normalen Industriefirmen waren, sondern … naja… Institute oder Hochschulen, die nur auf die Noten schauen. Sie hat keine Ahnung, wie es in einer Firma läuft, sie hat keine Ahnung, wie die Berufswelt aussieht, sie ist einfach vollkommen unbedarft in allem und kommt mit Glück immer irgendwie durch. Ich verstehe es nicht. Was ihr noch gar nicht bewusst ist, wie ich glaube: in 3-5 Jahren steht sie wieder genau dort, wo sie jetzt steht. Dann ist ihre befristete Stelle ausgelaufen und sie muss wieder anfangen zu suchen. Und da sie keine Abstriche machen möchte, was das sehr spezifische Themengebiet angeht, auf das sie ihre Vertiefung im Studium gelegt hat, denke ich durchaus, dass ihre Beziehung damit langfristig in Gefahr ist.

Meine andere Schwester lebt so ein ganz anderes Leben als ich. Sie ist beruflich sehr viel in der Weltgeschichte unterwegs, sie unternimmt Reisen nach Australien und Amerika und unternimmt unglaublich viel. Sie will keine Familie gründen, kein Haus, sie nimmt einfach ihr Geld und lebt davon. Eigentlich ist das Beste, was man machen kann. Was nützt einem ein Kontostand von zehntausenden von Euros, wenn du irgendwann arbeitslos wirst und der Staat dir erst all das Ersparte nimmt, bevor du Hartz IV bekommst? Dann wünschst du dir, du hättest  dir mehr gegönnt.

Wir haben also komplett unterschiedliche Lebensziele. Wobei meine Schwestern sich ähnlicher sind als ich irgendeiner von ihnen. Momentan ist es so, dass ich besser mit meiner großen Schwester umgehen kann als mit meiner Kleinen, wo unser Verhältnis doch sehr lange sehr zwiegespalten war (vielen Dank dafür an meinen Ex-Freund).

Schade finde ich den Wandel meiner kleinen Schwester, die sich nicht zum Positiven entwickelt hat. Als Kinder waren wir unzertrennlich und mehr Freundinnen als Schwestern. Irgendwann kam ich dann mit meinem Ex zusammen und der hat mich extrem abgeschottet von allem. Meiner Familie, meinen Freunden, meinem eigentlichen Ich. Da hat meine kleine Schwester sich meiner großen Schwester zugewandt und angefangen sich zu verändern. So stark, dass ich mittlerweile oftmals gar nicht mehr so viel mit ihr anfangen kann. Ob ich mich mitschuldig daran fühle? Ja, auch. Allerdings kann ja nun auch niemand mir vorwerfen, dass ich als fehlendes Element zu ihrer Charakterbildung derart beigetragen habe, dass ich das komplett zu verantworten habe. Sie ist einfach zu verbissen und zu panisch.

Trotzdem würde ich meine Schwestern nicht umtauschen wollen. Wir haben viele Höhen und Tiefen miteinander durchlebt, aber sie sind nach wie vor meine Familie. Ich bin stolz auf meine Familie, weil wir keine Standardfamilie sind. Meine Eltern haben drei Töchter, davon zwei Ingenieure und eine Physikerin. Wer kann das schon von sich behaupten? Mein Vater ist der Coolste und meine Mutter ist ein sehr herzlicher Mensch (mit gelegentlichen Stimmungsschwankungen). Und wir gehören alle zusammen und haben uns jetzt sogar noch um F. erweitert :)

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