Mittwoch, 11. Oktober 2017

Warum Kinder die besseren Erwachsenen sind.


Am Montag hatten wir einen Banktermin in dem Ort, an dem ich zur Grundschule gegangen bin. Bzw. F. hatte einen Banktermin wegen der Namensänderung. Später bin ich dann dazugestoßen, weil wir auf Vorschlag des Bankmannes uns gegenseitig Kontovollmachten erteilt haben.  Das macht ja auch nur Sinn, falls mal irgendwas ist.

Auf jeden Fall bin ich am Anfang ein wenig ziellos durch den Ort gewandelt (da gibt es außer einem Minimini-Supermarkt nichts), bis meine Füße mich zur Grundschule getragen haben.

Kennt ihr das, wenn ihr aufgrund irgendwelcher äußeren Reize in Erinnerungen zurückkatapultiert werdet? Ich habe so etwas öfters. Ich höre ein bestimmtes Geräusch, ich rieche einen bestimmten Duft, und zack – bin ich in einer ganz anderen Zeit gelandet. Erinnerungen puffen hoch, egal ob gut oder schlecht.

An die Grundschule habe ich zum Glück nur gute Erinnerungen. Auf dem hinteren Teil des Pausenhofes fließt ein kleiner Bach und letztlich war es sein Plätschern, das so einzigartig und beruhigend klang, einfach exakt wie damals, das mich in Erinnerungen schwelgen ließ. Außerdem wurde ich leicht melancholisch. Wie unbeschwert war ich als Kind, wie stark habe ich es seitdem für lange Zeit verlernt, einfach mit dem glücklich zu sein, was ich habe. Wie konnte es dazu kommen und warum hat keiner – einschließlich mir – etwas dagegen getan?
Der Bach :)
 
Altes Klassenzimmer von außen

 

Aber dann dachte ich mir: Scheiß drauf. Ich bin wieder glücklich. Vergangenheit ist Vergangenheit.

Und dann habe ich mich von den glücklichen Erinnerungen meiner Grundschulzeit tragen lassen, bis von F. eine SMS kam: „Kannst du mal kurz herkommen? Wir brauchen doch noch eine Unterschrift.“ :D

In meiner Grundschulzeit gab es kein Mobbing. Es wurde keiner ausgegrenzt, alle haben gemeinsam gespielt. Es gab einen Mitschüler, vor dem ich ein wenig Angst hatte, weil er sehr gewalttätig war. Der ist dann nach der zweiten oder dritten Klasse auf eine Sonderschule gegangen. Insgesamt, und das fällt mir erst jetzt im Nachhinein auf, weil es damals selbstverständlich war, gab es in meinem gesamten Umfeld keinen Ausländerhass. Im Kindergarten kam ein kleiner Junge aus Weißrussland zu uns, der am Anfang nicht unsere Sprache sprach. Das war egal, denn sonderlich eloquent ist im Kindergarten niemand und er lernte sehr schnell. Schade finde ich, dass seine Eltern es für notwendig hielten, ihn von Dimitri in Daniel umzubenennen – als ob es uns nicht vollkommen egal gewesen wäre, wie er heißt. In der Grundschule dann hatten wir einen kleinen pummeligen Türken in der Klasse und ein riesiges dunkelhäutiges Mädchen. Außerdem gab es eine Russin, die kaum deutsch sprach, aber so toll malen konnte wie keiner aus dem kompletten Jahrgang und noch zwei weitere russigstämmige Mädchen. Keiner hat je darüber nachgedacht, dass sie minderwertige Menschen sein könnten, weil sie anderer Abstammung sind. Warum auch?

Wir haben alle zusammen fangen gespielt in den Pausen, Jungen und Mädchen, gebürtige Deutsche und zugezogene Deutsche.

Ich glaube nicht, dass Fremdenhass eine natürliche Sache ist. Das sieht man daran, dass meine Eltern mit uns einfach nie über Ausländer gesprochen haben, sodass in unserem Kopf kein negatives Bild von ihnen entstehen konnte. Und deswegen waren sie für uns Menschen wie alle andere auch. Wenn Eltern ihren Kindern aber eintrichtern, dass alle Deutschtürken asozial sind oder Russen gewalttätig oder Polen alle stehlen, dann ist es doch klar, dass sie misstrauisch und vorurteilsbeladen sind. Schließlich ist das Wort der Eltern etwas, auf das man vertrauen kann, oder?

Kinder machen Sympathie oder Abneigung davon abhängig, wie sie von Menschen behandelt werden. Ist ein anderes Kind gemein, wird es gemieden, aber unabhängig davon, ob es deutsch ist oder nicht. Werden Kinder aber dahingehend manipuliert, dass alle Ausländer böse sind, werden einige Kinder von Anfang an gemieden, obwohl sie eigentlich gute Freunde hätten werden können. Das finde ich sehr traurig.

In vielerlei Hinsicht sind Kinder so viel klüger als wir. Weil sie intuitiv Dinge besser machen als wir Erwachsene, die vom System und ihrer Umwelt geformt wurden. Die den Blick für das Schöne verlieren, weil sie nur noch für den Job leben. Die Vorurteile haben, weil sie ihnen so anerzogen wurden.

Kinder sind wunderbar. Wir sollten alle wieder ein wenig mehr Kind sein.

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