Dienstag, 4. Juli 2017

Ernährung.


Hat schon einmal jemand über das Wort LEBENSmittel nachgedacht? Ja, wir müssen Essen, um zu leben. Ohne geht es nicht.
Als ich noch tief in meiner Essstörung gefangen war, ging es für mich lange Zeit nur darum, möglichst wenige Kalorien zu konsumieren. Dann wäre ich irgendwann schön – und gesund. Und genau das ist es auch, was uns propagiert wird. Iss möglichst wenig, möglichst viel Eiweiß, wenig Kohlenhydrate, wenig Fett. Dabei ist doch alles relativ. Vor allem führt dieses extreme Denken einfach dazu, dass die meisten Leute frustriert aufgeben und wieder wild alles in sich hineinstopfen. Was bringen Diäten? Gewichtsverlust, kurzfristig. Aber langfristig? Diäten lehren niemandem eine gesunde Ernährung. Sie geben keinerlei Info über das „danach“. Man nimmt mit einer Diät 5kg, 10kg, 20kg ab. Und dann? Wie isst man dann, um nicht in einem Monat alles wieder drauf zu haben? Darüber sagen die meisten Diäten nichts. Ich bin kein Verfechter von Weight Watchers, aber eine Sache finde ich an ihrem Konzept wirklich gelungen: Dass man für gesunde Lebensmittel belohnt wird, indem sie wenig oder gar keine Punkte haben.
Ich habe lange Zeit für meine Essstörung gelebt, ohne das „danach“ zu kennen. Ohne mich dafür zu interessieren, was danach kommen soll oder könnte. Ich habe mir immer gedacht: „Wenn du erst einmal dünn bist…“ Wer kennt das nicht? Aber es gibt kein „wenn“, weil es niemals ausreicht. Und falls man plötzlich sogar in den eigenen Augen dünn genug sein sollte und entgegen aller Erwartungen auf einmal die Erleuchtung hätte und alles ändern will – wie soll man das von heute auf morgen machen? Ich habe mir einige Male vorgenommen, „gesund“ zu werden. Recovery, von der man auf so vielen Blogs liest. Ich war aber total überfordert damit, was ich jetzt überhaupt essen soll. Was ist normal? Irgendwann verliert man den Bezug dazu. Und wollte ich überhaupt normal? Wie sollte eine Ernährung aussehen, dass ich dauerhaft damit leben kann?
Normal, das weiß ich mittlerweile, ist nicht der Weg gewesen, um mich aus der Essstörung herauszuarbeiten. Normal, das heißt in unserer heutigen Gesellschaft zu viel Fett, Fleisch, Kohlenhydrate, Geschmacksverstärker, Salz. Das ist nicht meine Welt. Ich hätte so auch nicht das Gefühl, meinem Körper etwas Besseres zu bieten als die Essstörung. Ich würde ihn anders angreifen. Aber ob das besser gewesen wäre, wage ich zu bezweifeln. Die ersten Schritte in Richtung Gesundheit habe ich gemacht, indem ich mich gesünder ernährt habe. Das hat mir die Furcht vor Kohlenhydraten und gesunden Fetten genommen. Seit ich mich im Alltag ausschließlich pflanzlich ernähre, geht es mir gut. Ich bin angekommen. Ich fühle mich wohl. Ich akzeptiere meinen Körper. Manchmal möchte ich ihn ohrfeigen, denke dann aber daran, dass ich das in der Vergangenheit schon genug gemacht habe.
Ich glaube, dass jeder selbst seinen Weg machen muss. Nicht jeder kann sich gleich ernähren und damit glücklich werden. Es gibt viele Omnivore, die bestimmt noch gesünder essen als ich, weil sie kein Chocoholic sind. Ich sehe das Problem der heutigen Gesellschaft auch nicht darin, dass überhaupt Fleisch gegessen wird, sondern darin, dass viel zu viel Fleisch gegessen wird. Und noch dazu keiner Geld für Fleisch ausgeben will. Dass Fleisch zu einem Spottpreis nicht gesund sein kann, ist ziemlich offensichtlich; vollgepumpt mit Antibiotika und anderen Medikamenten, wie es sein muss, weil die Tiere sonst auf engstem Raum an diversen Krankheiten verrecken würden (und es übrigens trotz des Medikamentencocktails auch tun). Das Fleisch, wie es auf den Packungen abgebildet ist, gibt es fast nicht mehr. Schweine, die auf einer Wiese wohnen und sich glücklich im Matschloch suhlen. Kühe auf einer satten grünen Weide. Würde Fleisch so „produziert“ werden, würde ich sagen, okay. Fleisch ohne Tierleid geht nicht, aber so ist es wenigstens so gering gehalten wie irgendwie möglich. Außerdem wäre Fleisch dann so teuer, wie es eben sein müsste. Dann würde aber auch nicht jeder jeden Tag drei Mal welches konsumieren, sondern nur 1-2 Mal die Woche. Das war bei unseren Großeltern und den Generationen davor auch so und niemandem hat es geschadet. Aber dem ist nicht so. Die Wahrheit der Massentierhaltung ist eine andere, dreckige, unhygienische, qualvolle.  Leider gilt dasselbe auch für Milch und Eier. Hochleistungs-Milchkühe brechen nach durchschnittlich 4 Jahren vor Erschöpfung zusammen und werden geschlachtet. Legehennen werden nicht älter als 2 Jahre und können danach nicht einmal mehr geschlachtet werden, weil sie einfach nur noch ausgezehrt sind. Das ist der Grund, warum ich nicht mehr zum reinen Vegetarismus zurückkann.
Die Milch, die wir Zuhause haben, kommt von glücklichen Kühen. Es ist ein kleiner privater Bauernhof mit Hofladen. Man kann die Kühe besuchen. Die Hühner, die die Eier legen, die wir dort manchmal kaufen, laufen direkt hinter der Hütte auf einer riesigen Wiese herum. Sie rupfen sich nicht und können in der Erde wühlen. Die Milch und auch die Eier haben einen Preis, den man im Geschäft für Biolebensmittel zahlt. Nur, dass man hier eben sehen kann, dass sie ein faires Leben leben. Ich könnte theoretisch damit leben, diese Milch und diese Eier zu konsumieren. Aber ich lasse es, weil ich es nicht mehr brauche.
Noch viel schlimmer finde ich das Ganze unterwegs. Man hat keine Ahnung, woher die Milchprodukte und Eier kommen, die da in dem Essen sind. Sie werden zu 99% aus Massentierhaltung stammen. Deswegen bin ich unterwegs viel konsequenter als zu Anfang, auch wenn das manchmal bedeutet, dass es dann halt eine Schale Pommes wird. Die ist dann nicht gesund, aber tierleidfrei.
Ernährung ist eine der persönlichsten Sachen überhaupt. Umso trauriger finde ich, dass an jeder Ecke irgendjemand versucht, seine Ernährung als DIEJENIGE WELCHE zu verkaufen. Wie soll man da selbst entscheiden, was gut für einen ist? Das macht doch alles nur noch komplizierter.
Ich bin mittlerweile zum Glück so weit, dass ich mich nicht mehr beeinflussen lasse. Aber viele sind das eben nicht.

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