Dienstag, 9. Mai 2017

Von Gewohnheiten und Ritualen.


Routinen erleichtern manchmal das Leben. Nicht nur, wenn man Essstörungen oder Asperger mit sich herumschleppt, sondern generell. Manchmal können sie eine Menge Zeit sparen, manchmal tun sie gut, manchmal sind sie einfach irgendwann zur Angewohnheit geworden.

Als wir noch zur Schule gegangen sind, haben wir Zuhause nicht richtig gefrühstückt. Damit wir nicht mit leerem Magen aus dem Haus gehen, hat meine Mutter uns immer etwas Obst geschnippelt ( ½ Banane, ½ Apfel, ½ Kiwi, manchmal Weintrauben). Dazu gab es schwarzen Tee. Als ich ausgezogen bin, habe ich dieses Ritual verworfen. Der Grund war Geldnot. Ich hatte einfach nicht genug Geld, mir so viel frisches Obst zu kaufen, wie ich gern wollte. Da waren die Studiengebühren, die dann ja zum Glück wieder abgeschafft wurden, Semestergebühren, Lehrbücher, für die man ein Vermögen zahlt. Es war einfach nicht drin. Ich habe in den Semesterferien gearbeitet, um einen Puffer auf meinem Konto zu haben, aber während des Semesters habe ich mich das nicht getraut, weil ich Angst hatte, dass so schnell der Nebenjob zum Lebensmittelpunkt wird und ich das Studium vernachlässige. Ich habe damals sehr simpel gelebt. Es gibt nicht mehr um Abnehmen und möglichst wenige Kalorien. Es ging darum, mit möglichst wenig Nahrungsmitteln satt zu werden. Es gab Brote und Joghurt. Morgens gab es statt  des Obstsalates manchmal eine Banane. Manchmal nicht. Ich konnte es mir nicht leisten, in der Mensa zu essen. Warme Mahlzeiten gab es unter der Woche selten (manchmal habe ich mir diese China-Instantnudeln für 50Cent das Päckchen geholt oder ich war mit meinem damaligen Freund beim Dönermann, weil er das wollte oder habe gekocht). Am Wochenende, wenn ich bei meinen Eltern war, habe ich dann jede ordentliche Mahlzeit gefeiert. Unter der Woche war ich zwar einmal bei meinem damaligen Freund, aber dort gab es nichts, was ich essen konnte. Außer Brot und Bananen. Seine Mutter hat mir manchmal irgendwelche Lebensmittel mitgegeben, die kurz vor dem Ablaufen standen, weil sie sie eh weggeworfen hätte. Einmal die Woche war mein damaliger Freund bei mir. Und erwartete, dass ich ihn komplett und kostenlos verpflege. Er wollte Kakao mit zur Schule nehmen, also habe ich immer welchen für ihn besorgt. Ich habe dafür gesorgt, dass Brot und Belag da ist – an diesen einem Tag. Und Getränk. Das führte dazu, dass ich den Rest der Woche auch noch darauf hingespart habe, ihn an diesem Tag versorgen zu können. Das habe ich mir ziemlich genau ausgerechnet. Für die anderen Tage blieben noch 1,50-2€ pro Tag übrig. Und auch nur deshalb, weil ich fest damit kalkuliert habe, am Wochenende bei meinen Eltern zu sein und mich nicht versorgen zu müssen. Mit Kommilitonen mal weggehen war aus Geldgründen und wegen meinem damaligen Freund unmöglich.

Als mein Ex dann auch noch in der Stadt seine Ausbildung anfing und ich den Studiengang ins praxisintegrierte Studium wechselte, zogen wir zusammen. Finanziell wurde meine Situation nicht wirklich besser. Ich bekam zwar ein Ausbildungsgehalt, aber es war halt kein IG-Metall-Gehalt. Es war im Grunde ein 450€-Job, nur dass ich dafür in der Zeit, wo eigentlich Semesterferien waren, 40h die Woche arbeiten musste. Meine Eltern haben dann auch noch etwas dazugegeben, aber ich musste aufgrund der Lage der Firma, in der ich bin, ein Auto kaufen und 60km am Tag damit fahren. Also kamen auch 130-150€ Spritkosten in der Praxisphase dazu. Zu der Zeit habe ich jeden Morgen die Banane gefrühstückt. Der Rest meiner Routine bestand darin, dass ich 40h gearbeitet habe oder in der FH war und danach noch kochen musste und den Haushalt machen, während mein Ex 35h gearbeitet hat und statt 40-60Minuten nur 15 Minuten zur Arbeit gebraucht hat. Sehr fair. Zu dem Zeitpunkt wusste ich nichts mehr an meinem Leben zu schätzen, wurde suizidal, habe 10kg abgenommen, ohne dass irgendjemand es bemerkt hat. Aber das war mir nur recht. Irgendetwas, was mir selbst guttat, war einfach nicht drin.

Mittlerweile mache ich mir wieder Gedanken um mich. Was kann ich tun, damit es mir gut geht, psychisch, physisch. Es gibt wieder mehr Routinen, welche, die mir guttun.

Morgens auf dem Weg zur Arbeit nehme ich mir neuerdings ein Getränk mit ins Auto. Ich habe festgestellt, dass sich die körperliche Anstrengung auf dem Rad besser bewältigen lässt, wenn ich vorher wenigstens etwas getrunken habe (oh Wunder). Je nach Tagesform gibt es schwarzen Tee mit (Pflanzen-)Milch oder Getreidekaffee mit Milch. Das mild zu meinem Magen und stärkt trotzdem. Auf Arbeit angekommen, mache ich mir immer eine Tasse Tee, ungesüßt. Eine Tasse, das heißt bei mir, dass ich meinen 500ml-Krug voll mache :D Meistens versuche ich, diese erste Tasse einen Kräutertee sein zu lassen, auch wenn ich kein riesiger Fan davon bin. Ich merke nämlich, dass mir das guttut. Seit ich das mache, habe ich vor der Periode deutlich weniger Wassereinlagerungen. Eigentlich möchte ich auch konsequenter ein Glas Wasser trinken, wenn ich auf der Arbeit ankomme, aber das vergesse ich häufig. Nach dem Tee folgt der obligatorische Kaffee. Koffeinfrei, weil Koffein bei mir keine Wirkung zeigt. Das sind so Sachen, die helfen mir morgens in den Tag. Nachmittags schlägt mein hohler Zahn oft zu. Ich kenne mich inzwischen so gut, dass ich daran denke, entsprechend vorzusorgen. Manchmal gibt es dann eine Kleinigkeit Süßes, manchmal, bzw. wenn ich gebacken habe, Kuchen, manchmal auch nur Obst.

Es gibt auch Routinen, die nicht das Essen betreffen. Ich liebe es, am Wochenende, wenn ich vor F. wach bin, zu lesen. Und ich liebe es, jeden Abend in seinem Arm einzuschlafen. Ich liebe es, wenn ich die Kaninchen versorge und sie sich einfach freuen, Futter zu bekommen oder gestreichelt zu werden. Das Gefühl von Fell unter meinen Fingern ist eines, was ich nicht missen möchte. Ich mag es, die Vögel zu füttern. Bevor der Napf vollgemacht wird, gibt es immer erst Sonnenblumenkerne von meiner Hand. Das wissen sie auch ganz genau.

Ich finde, es sind die kleinen Dinge, die einem das Leben versüßen. Dazu gehören auch wiederkehrende Gewohnheiten, weil sie Sicherheit geben. Das hat nicht unbedingt etwas mit Zwängen zu tun, sondern einfach mit Normalität. Ich habe lange Zeit gedacht, dass ich mich von solchen Angewohnheiten losmachen müsste. Über den Punkt bin ich hinaus. Ich darf meine kleinen Gewohnheiten pflegen und zelebrieren. Eigentlich darf ich alles, was mir guttut. Es hat nur etwas gedauert, bis ich das begriffen hatte.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen