Donnerstag, 4. Mai 2017

Gesund werden und bleiben.


Gibt es einen Zeitpunkt, zu dem man sagen kann, dass man fertig ist mit der Essstörung? Aus, Ende, finito? Ich denke nicht. Ich glaube, dass sie schläft, weil ich sie sicher weggesperrt habe. Töten kann ich sie nicht. Sie ist stets da und lauert darauf, mich vielleicht doch in einem schwachen Moment überrumpeln kann. Wenn es mir schlecht geht, versucht sie ihr Glück. Wieder und wieder. Aber je länger man sie in ihrem Käfig hält, desto schwächer werden ihre Angriffe bzw. desto stärker werde ich. Mitten in der Phase des Gesundwerdens ist sie immer noch da. Sie springt einen an, wenn man es doch mal mit Süßigkeiten versucht und sie treibt einen auf die Waage, die man doch meiden wollte. Sie wird nur sehr langsam träger und schwächer. Je länger sie mich begleitet hat, desto normaler war es für mich, damit zu leben. Mit den Regeln, die sie aufgestellt hat, mit dem Kopfgeschrei, das sie veranstaltet hat, wenn man ihre Regeln gebrochen hat. Weswegen ich immer versucht habe, sie zu befolgen. In der Zeit, in der sie mein täglicher Begleiter war, immer da, um mich an meine Verhaltensregeln zu erinnern, war ich dünn. Aber auch nur dünn. Gelebt habe ich nicht. Gefühle stumpfen ab, wenn sie immer unter einer Gedankenflut an Essen, Kalorien und Gewicht begraben sind. Ich habe so viel verpasst. Ich hatte keine Teenagerzeit. Die ES hat mich direkt vom Kind zum Erwachsenen werden lassen. Ich hatte keine Parties, ich habe nicht gelacht, ich habe keine Nächte durchgemacht, keinen Alkohol getrunken, mich nicht mit meinen Eltern angelegt. Voller Selbstzweifel habe ich die erste männliche Person zum Freund genommen, die sich für mich interessiert hat, weil ich Angst hatte, dass das nie wieder passieren würde.

Ich habe lange gekämpft. Der erste Schritt in Richtung Gesundheit erfolgte 2014, als ich mich von meinem Ex-Freund getrennt habe. Er tat mir nicht nur nicht gut, durch ihn habe ich jegliches Selbstwertgefühl verloren. Er hat mich tyrannisiert, niedergetrampelt, geschlagen, vergewaltigt, also sowohl physisch als auch psychisch missbraucht. In dem Ausmaß geahnt hat das niemand. Er war Meister des Maskenspiels, genauso wie es bei seinen Eltern auch lief. Ich habe ihm geglaubt, dass ich es verdient habe, weil mir meine ES ja auch schon jahrelang erzählt hat, dass ich ein Stück Scheiße bin. Jetzt weiß ich, dass niemand so etwas verdient hat. Nachdem er weg war, hatte ich lange Albträume und habe nur langsam wieder zu einem eigenen Leben gefunden.

Um eine Essstörung zu überwinden, gehört viel mehr als Gewichtszunahme und die bloße Nahrungsaufnahme. Es ist wichtig, sich selbst zu finden. Ich wusste lange nicht und hadere immer noch gelegentlich, wer ich ohne die ES eigentlich noch bin, war es doch so lange das, was mich ausgemacht hat. Es hat sehr lange gedauert, bis ich erkannt habe, dass ich nie weg war, auch wenn die ES mein Leben bestimmt hat. Sie hat mich in den Hintergrund gedrängt, aber ich war immer noch da. Es wurde also Zeit, mein Ich wieder hervorzukramen, mich neu zu entdecken und wieder mein eigenes Leben zu führen, nicht das der ES. Jeder, der noch keine ES hatte, wird Schwierigkeiten haben, zu verstehen, welch tagesfüllende Aufgabe so eine ES ist. Selbst, wenn man keinen Sport treibt, drehen sich die Gedanken ja doch nur um eines: Was darf ich wann wie essen, wie komme ich ums Essen herum, wie überwinde ich dieses fiese Ziehen in meinem Bauch, wie den Heißhunger und das auch noch ohne Essanfall? Wie bekomme ich das Zittern der Unterzuckerung weg, ohne zu essen? Die Konzentration schwindet, weil die Gedanken sich vollkommen aufs Essen und Gewicht fixieren. Ich habe, bis ich 14 war, sehr gern und viel gelesen. Ab dem Zeitpunkt, an dem ich in den Sumpf der ES geraten bin, hatte ich die Konzentration dafür nicht mehr. Ich habe auch sehr gern fotografiert, aber zu der Zeit gab es nur Körper-Vergleichsbilder.

Mittlerweile kann ich wieder lesen, ohne dass mein Magen knurrt und ohne dass ich nach 10 Minuten wieder abbrechen muss. Ich fotografiere sehr gern. Ich liebe die Natur und lange Spaziergänge. Ich mag Radfahren und Schwimmen. Ich liebe Backen und Kochen. Ich bin so viel mehr als die ES. Immerhin bin ich so weit, dass ich das weiß. Was von der ES geblieben ist, ist, dass ich klare Strukturen bevorzuge. Ich bin nicht sehr spontan, aber nicht mehr so starr wie zu den Zeiten der ES. Trotzdem plane ich gern. Ich mag es, wenn Mahlzeiten wenigstens in den Grundzügen eine geregelte Struktur aufweisen. Und ich hasse Unordnung. Ich war nie unordentlich, aber mein Ordnungsfimmel hat sich erst mit der ES so richtig ausgeprägt. Ich finde aber, dass das keine Eigenschaft ist, gegen die man unbedingt aktiv angehen muss.

Wenn es mir psychisch schlecht geht, weil irgendetwas nicht so läuft, wie ich mir das vorstelle, oder wenn ich sehr gestresst bin, kommen oft noch ES-Gedanken hoch. Es sind verlockende Stimmen, die mir vorschlagen, doch mal wieder weniger zu essen oder mal einen Flüssigtag einzulegen. Irgendwie so. Und ich denke auch, dass ich das nie komplett loswerden kann. Auch die ganzen Kalorienangaben puffen immer wieder in meinem Kopf hoch. Ich kann nichts dagegen tun. Ebenso muss ich mich ganz bewusst darauf konzentrieren, bei einem Lebensmittel nicht die Nährwertangaben zu studieren, bei dem ich sie noch nicht weiß. Das ist Schwachsinn und ich weiß das. Aber es ist so in mir drin.

Ich denke also, dass die ES immer irgendwo in mir drin bleiben wird. Ich kann sie unterdrücken und bewusst entgegenwirken, dass sie zu stark werden kann. Ich kann meine Vergangenheit nicht ändern und ich muss mit den Relikten leben, die sie hinterlassen hat. Aber ich habe jetzt Einfluss darauf, wie meine Zukunft aussehen wird. Und die sieht bei mir ganz klar aus. Ich will eine Familie und für die muss ich gesund sein. Ich muss meinem Körper Lebensmittel zukommen lassen, die ihm guttun und auch manchmal Lebensmittel, die vielleicht keinen Nutzen für ihn haben, sehr wohl aber für meine Seele. Ich denke, es geht immer darum, eine ausgewogene Mischung zu finden zwischen gesunder Ernährung und Seelenessen. Ich esse zu vielleicht 80% gesund und damit schon gesünder als ein Großteil der Bevölkerung. Was will ich mehr? Mir geht es nur darum, nicht in Extreme zu verfallen. Nicht zu ungesund, zu gesund (auch wenn das eigentlich nicht geht, was ja aber durchaus wieder zwanghafte Dimensionen annehmen kann), zu wenig, zu viel.

Mein Körper soll alt werden, deswegen sollte ich ihn behüten und pflegen. Und genau das lerne ich. Mühsam und langsam, aber ich lerne es.

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