Freitag, 28. April 2017

Der Körper, in dem ich wohne.


Seit der ES ist Ernährung für mich ein wichtiges Thema. Was ich esse, wann, wie. Seit ich Nahrung bewusst zu mir nehme (und ich wünschte, ich hätte es niemals angefangen, sondern würde immer noch gedankenlos alles essen, was ich gerade möchte), ist mir eine gewisse Routine wichtig. Ich kann nicht einfach so Mahlzeiten weglassen. Auch in Hungerzeiten war es mir immer wichtig, gewisse Zeiten einzuhalten, zu denen ich gegessen habe. Zwar zu wenig, aber ich habe gegessen. Wenn ich zu diesen gewissen Zeiten keine Mahlzeit bekomme, werde ich unleidlich. Nicht im Sinne von, dass ich zickig werde. Aber die Worte verschwinden. Ich kann mich nicht mehr richtig konzentrieren und ich kann keine vernünftigen Gespräche mehr führen. Deswegen war die Anfangszeit des Renovierens für mich besonders schlimm. Einerseits dieses dauernde ungesunde Essen, andererseits diese unbeständigen Zeiten. Dabei lasse ich mittlerweile schon eine um einiges höhere Toleranz zu als früher. Nach über einem Monat ohne Küche habe ich mich langsam darauf eingestellt, auch ohne sie nicht abgrundtief ungesund zu essen. Ich schaffe es, mir abends Salate zu machen und Gemüse zu kochen und nehme mir Obst mit. Am Anfang war es tatsächlich das Durchschnitts-Büroessen: Brot-Brötchen-Joghurt. Da kam aber auch noch erschwerend dazu, dass wir keinen Kühlschrank hatten.

Meine Ernährung wird mir immer wichtig sein. Es gibt kein Zurück mehr. Ich denke, dass für viele Leute der Weg aus der ES ist, dass man seine Interessen verlagert: Auf gesunde Ernährung statt immer weniger Kalorien. Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass jemand es tatsächlich schafft, diesen Gedankenzirkus ohne irgendeinen Ersatz komplett abzulegen und dann weiterzumachen wie davor. Immerhin bin ich so weit, dass ich begriffen habe, dass eine „gesunde“ Ernährung zumindest für mich nicht nur beinhaltet, ganzheitlich zu essen. Gesund heißt für mich auch, Zucker und Fett nicht komplett von meinem Speiseplan zu streichen. Dazu haben viele bestimmt ihre eigenen Ansichten. Und ich bewundere auch alle, die es schaffen, fetttarm, industriezuckerfrei und viel roh zu essen. Ich glaube aber auch, dass jeder Körper und jeder Geist anders ist und jeder für sich einen Weg finden sollte, sich fit und wohl zu fühlen. Ohne Fett und ohne Zucker würde ich mich bestimmt fit fühlen – aber glücklich wäre ich nicht. Dafür bin ich zu sehr Stressesser. Ich bin ein sehr emotionaler Esser. Wenn ich gestresst bin, will ich essen, wenn ich unglücklich bin, kommen die ES-Gedanken wieder hoch. Ich denke, das ist ein Relikt, das ich wohl niemals loswerden will. Schade finde ich, wenn Ernährungsformen als die „einzig Wahren“ gepriesen werden. Denn das ist einfach falsch. Es gibt für viele Ernährungskonzepte eindeutige Pro-Argumente. Ich verstehe Menschen, die keinen Zucker zu sich nehmen wollen, habe ich doch selbst in Bezug auf Getränke eine ausgeprägte Zuckerphobie. Aber eher, weil mir die Kalorien zu schade sind, die ich da unbedacht in mich hineinschütten würde. Ich verstehe Menschen, die ihren Fettkonsum einschränken, war es doch lange Zeit auch mein größter Feind. Aber ich verstehe es nicht, wenn Leute einem erzählen wollen, dass alles scheiße ist, was man isst, nur weil sie selbst eine andere „Religion“ verfolgen. Erstens ist jeder selbst für sich verantwortlich und zweitens kennt niemand den anderen so gut, um sagen zu können, dass die und die Ernährung für ihn perfekt ist. Essen bedeutet für mich Genuss und Wohlfühlen. Ich brauche dafür Zeit und Ruhe und hasse es, wenn ich zwischen Tür und Angel essen muss. Wie genau ich dieses Wohlgefühl erzeuge, ist aber ganz allein meine Sache. Keiner hat das Recht, mir da hineinzureden. Genauso habe ich kein Recht, andere bekehren zu wollen. Ernährung ist entgegen der Meinung vieler Menschen eine sehr persönliche Sache.

Der Weg, auf dem ich mich befinde, ist einer, mit dem ich vor noch nicht allzulanger Zeit niemals gerechnet hätte.  Darauf bin ich stolz. Ich ärgere mich, dass ich überhaupt jemals aus lauter Selbstzweifel in diesen Sumpf hineingeraten bin, weil es mir meine Jugend genommen und mein Leben nachhaltig verändert hat. Ich kann die Vergangenheit nicht ändern. Ich kann aber sehr wohl darauf achten, was ich im Hier und Jetzt mit meinem Körper anstelle. Und da ich ihm in der Vergangenheit mehr als Unrecht getan habe, möchte ich ihn umsorgen und verhätscheln. Er soll alle Nährstoffe bekommen, genug Flüssigkeit, Pflege von außen, es soll ihm gutgehen. Letztlich müssen wir unser ganzes Leben in unserem Körper verbringen, egal wie lang es sein mag. Und deswegen sollten wir ihn entsprechend behandeln.

 

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