Donnerstag, 12. November 2015


Um mal ehrlich mit mir selbst zu sein: Was bringt mir Schlankheit? Irgendwie nichts. Ich wünschte, ich könnte irgendeine Antwort darauf geben, die das rechtfertigt, was ich seit meinem 15. Lebensjahr betreibe. Aber die gibt es nicht. Ich werde dadurch nicht schöner, gesünder erst recht nicht, und mein Selbstwertgefühl liegt quasi im negativen Bereich, egal, wie ich aussehe. Ich fühle mich ja auch nicht weniger dick, wenn ich dünn bin. Ich werde für meinen Kopf nie dünn genug sein. Eigentlich sind das so die Argumente, mit denen ich das immer vor mir selbst rechtfertige, aber sie sind, wenn ich darüber nachdenke, leicht außer Kraft zu setzen. Mir fällt spontan kein Grund ein, der wirklich sinnig die Notwendigkeit des Dünnseins erklären würde. Ich werde dadurch kein besserer Mensch, im Gegenteil: Man muss so verdammt viel lügen, wenn man nie mitisst, wenn z.B. Kollegen irgendetwas mitbringen, und letztlich ist das ganze Gehabe verdammt egoistisch. Oh, vielleicht ist das ein Grund, den ich für mich vorbringen kann: Das ist quasi das einzig egoistische Verhalten, das ich mir zugestehe. All mein Handeln ist darauf ausgelegt, anderen zu helfen oder sie glücklich zu machen. Ich gebe mein Geld für F. aus und für die Tiere, ich bin als erste zur Stelle, wenn es jemandem scheiße geht, mit mir kann man immer über alles reden. Tja, nur ich selbst, ich fordere fast nie ein, dass jemand das auch für mich tut. Aufmerksamkeit bringt mir das Ganze, aber positiv? Nein. Vielleicht denke ich mir auch, lieber negative Aufmerksamkeit, als gar keine. Denn wenn ich normal bin, normal esse, keiner mehr darüber nachdenken muss, ob ich vielleicht heimlich Essen verschwinden oder Mahlzeiten ausfallen lasse, dann bekomme ich keine Aufmerksamkeit mehr. Aus eigener Erfahrung, immer dann, wenn ich lange nichts mehr von Essen und dem Krieg in meinem Kopf gesagt habe, flaut die Aufmerksamkeit ab. Das ist bei F. nicht anders als bei allen anderen auch. Aus den Augen, aus dem Sinn. Sobald ich eine Woche mal den ganzen Kampf ausschließlich mit mir selbst ausmache und nicht darüber rede, werde ich nicht mehr gefragt, wie es mir geht. Grundsätzlich werde ich nicht mehr gefragt, wie es mit dem Essen so läuft. Nicht, dass ich mich ernsthaft damit auseinandersetzen wollen würde, dafür eine für beide Seite zufriedenstellende Antwort zu finden (mal wie jetzt: „Welches Essen?“, mal: „Ich hasse es, aber ich bin momentan schwach und esse annähernd normal.“, mal: „Ich esse große Volumina, zwar alles nur Obst und Gemüse, aber hey, alle, die keine Ahnung haben, sehen, dass ich esse, und geben sich damit zufrieden.“), aber gefragt werden? Doch, eigentlich schon gern. Gezeigt bekommen, dass mein Körper nicht das Desaster ist, was ich in ihm immer sehe, wäre auch ein Ansatz, aber das bleibt ebenso aus.

Ich verstehe, dass alle mit dieser Krankheit überfordert sind. Bin ich ja selbst. Ich habe keine Ahnung, wie genau man die beseitigen kann, und leider gibt es auch kein allgemeingültiges Rezept, keine Wunderpille. Ich verstehe nur nicht, warum nicht einmal alle das Offensichtlichste tun, es ist eigentlich ganz simpel, Konditionierung in ihrer einfachsten Form: Warum kommt die Aufmerksamkeit denn immer dann, wenn das mit dem Essen scheiße läuft?  Warum kommt sie nicht, wenn es gut läuft, wenn ich mich nicht selbst verletze, wenn ich weniger depressiv bin? Warum werden dann keine Komplimente gemacht oder gesagt, dass es toll so ist, weiter so, ich bin stolz auf dich, du gefällst mir so viel besser, sowohl vom Verhalten her als auch vom Aussehen, komm, lass uns essen gehen, du hast es dir verdient? Vermutlich, weil man dann schnell „vergisst“, dass da überhaupt ein Problem ist. Man sieht Probleme nur, wenn man mit dem Gesicht reingedrückt wird wie in einen stinkenden Hundehaufen. Schließlich sagen immer alle nur: Verdammt, es geht mir scheiße, aber niemals: Juhu, es geht mir gut! Gut ist irgendwie nicht erwähnenswert und wird dann als selbstverständlich hingenommen. Aber das ist es nicht. Gut ist etwas, was man sich manchmal hart erarbeiten muss. Manchmal hat man Glück und bekommt es einfach so zugeworfen: Hier, fang, Glück für dich. Oftmals aber muss man aktiv etwas für sein Glück tun. Und wenn man auf dem Weg dahin irgendwie ignoriert wird, denkt man sich schnell: Wofür mache ich das hier eigentlich? Weitermachen wie bisher ist so viel leichter. Dann krepiere ich eben daran. Who cares. Dann macht man eben so weiter und schwupp, ist die Aufmerksamkeit zurück. Iss doch etwas, du hast abgenommen, ich mache mir Sorgen. Und man suhlt sich in dieser Aufmerksamkeit, die doch irgendwie fehl am Platz ist. Für jemanden dazu sein ist eine Sache. Ihn weiter zu unterstützen, wenn sich andeutet, dass er auf dem richtigen Weg ist, ist aber fast noch wichtiger. Gebannt warte ich auf den Tag, an dem ich mich nicht mehr hängen lasse und in den unangenehmen Kampf trete, aber genauso gespannt bin ich darauf, ob dann irgendwer sich ein Herz greift und genauso das Richtige tut wie ich. Denn allein, denke ich, schaffe ich das nicht.

Kommentare:

  1. backen? soso, was backst du denn dann so? :) nur normale plätzchen oder was ausgefalleneres? :) achja und was ich immer so rauslese ist, dass du ja schon dünn bist, darf ich fragen wie groß du bist & wie viel du wiegst? nur, dass ich eine ahnung hab und mal 'mitkomm' bei deinem geschreibsel ;) underground factory sagt mir zwar nichts, aber du könntest nach deinem shoppingtrip ein paar bilder posten?! :) haha das frag ich mich auch :D aber geteiltes leid ist halbes leid :P in dem fall zwar nicht ganz, aber so leiden wir alle gleichzeitig :D liebe grüße ♥

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    1. Hallooo, da du deinen Blog auf privat umgestellt hast, antworte ich dir dieses Mal hier.
      Ich backe ganz viele verschiedene Sachen. Kekse backe ich eigentlich nur so 3-4Mal im Jahr, normalerweise mache ich lieber Kuchen, Muffins, CakePops, egal, hauptsache hübsch verziert :D Meine Vermieterin liebt mich dafür, weil sie Backen hasst, aber Kuchen liebt, und sie bekommt immer ein Stück ab.
      Dünn ist relativ. Waage sagt ja, Spiegel und Körpergefühlt sagen nein. Aber um deine Frage konkret zu beantworten, ich bin 1,70m groß und wiege heute exakt 52 kg. Mein "Safe"-Gewicht waren immer so 49kg, mein geringstes Gewicht 45kg. In schlechten Phasen will ich da unbedingt wieder hin, in guten Phasen denke ich mir, entweder ich halte dieses Gewicht, oder ich nehme sogar noch bis 55kg zu. Zweiteres sind aber immer nur kurze Perioden, nach denen ich in Panik ausbreche und alles wieder zunichte mache. Tja.
      Ob ich wirklich zur Undergroundfactory fahre, weiß ich noch nicht, aber wenn, gibt es auf jeden Fall Fotos :)
      Liebe Grüße zurück

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