Mittwoch, 28. Oktober 2015

Zwiegespräch


„Ab morgen nehme ich Brote mit zur Arbeit, zusätzlich zu dem, was ich sonst so esse.“

Die ES nickt es ab, wohlwissend, dass damit nichts entschieden ist. Der nächste Tag, das Brot liegt in der Tasche, die Frühstückspause naht.

„Ich glaube nicht, dass du dieses Brot brauchst.“

„Aber ich liebe Vollkornbrot, ich habe schon die ganze Praxisphase kein Brot gegessen.“

„Es ist Brot. Vollkornbrot hin oder her, Kohlenhydrate, hallo? Und satt macht es auch nicht.“

„Der zuckerfreie Joghurt aber auch nicht.“

„Du darfst heute Mittag Obst essen, reicht das nicht an unnötigem Zucker?“

„Aber ich möchte gerne das Brot essen…“

„Nein, einfach nein. Schau dich an – willst du noch fetter werden? Ich dachte, du willst Muskeln aufbauen. Denkst du das geht mit sinnfreier Schlemmerei?“

„Ohne Essen geht es aber auch nicht. Ich will doch nur so essen können wie alle anderen, ohne Sorgen, ohne deine Stimme in meinem Kopf.“

„Das fällt dir reichlich spät ein, ich begleite dich seit 10 Jahren und jetzt bist du meiner überdrüssig? So funktioniert das nicht.“

„Du weißt ganz genau, dass ich schon lange versuche dich loszuwerden.“

„Das hat ja wunderbar funktioniert. Denk mal nach. Was meinst du, wie du aussehen würdest, wenn es mich nicht gäbe? Du würdest immer noch 60, 65 kg wiegen. Muss ich dich daran erinnern, wie du aussahst, bevor es mich gab?“

„Ich habe mich nie wohl gefühlt in meinem Körper. Aber ich fühle mich immer noch nicht wohl… es wird nie wenig genug sein. Du wirst doch nie Ruhe geben.“

„Und weißt du, warum du immer noch nicht zufrieden bist? Weil du schwach bist. Weil du isst und weil du solche seltsamen Gelüste hast wie das nach Brot. Du brauchst das nicht. Du kannst dich entscheiden zwischen Dünnsein und dick und unförmig.“

„Ich will doch nur glücklich sein.“

„Und du bist glücklich, wenn du dick bist?“

„Natürlich nicht. Aber ich will auch nicht mitleidig angestarrt werden und ich will nicht immer lügen müssen, wenn die Kollegen Kuchen mitbringen und ich keinen nehme.“

„Du willst das nur nicht, weil du schwach bist. Du willst dieses Zeug in dich reinstopfen wie alle anderen auch? Wenn du nicht mehr dünn bist, unterscheidet dich nichts mehr von den anderen. Dann bist du irgendwer.“

„Ich bin auch so nur irgendwer. Ich bin nicht besonders, ich bin nicht hübsch, ich bin nicht herausragend intelligent, ich bin IRGENDWER.“

„Aber du bist besonders dünn. Willst du dir das nehmen lassen, nur weil du das Verlangen nach Brot hast?“

„Und wenn ich etwas mehr esse, dafür aber sehr gesund?“

„Denk darüber nach und frag noch mal.“

„Aber…“

„Das Brot macht sich im Müll genauso gut wie in deinem Magen. Nur, dass es dort keinen Schaden anrichtet. Du wirst es nicht essen. Wenn du das tust, werde ich so lange keine Ruhe geben, bis es in der Toilette landet. Willst du das? Du weißt genau, wie schwer sich Vollkorn kotzen lässt. Du gehörst mir. Du wirst immer mir gehören. Ich werde da sein, egal was du tust, jedes Mal, wenn du isst. Ich lasse die Kalorienzahlen vor deinen Augen aufblitzen, ich bin der Teil von dir, den du hasst und liebst zugleich, weil ich dich zerstöre, aber dir auch etwas  gebe, was nicht viele haben. Du weißt genau, dass ich Recht habe. Und jetzt sei froh, dass du den Joghurt essen darfst.“

Und ich esse meinen zuckerfreien Joghurt.

1 Kommentar:

  1. ohje genau so gehts mir auch, mittlerweile hab ich es aufgegeben mir irgendwas auf arbeit mitzunehmen und esse bis 17 uhr leider immer garnichts..erst zu hause dann etwas salat oder so. mach dich bitte nicht zu arg verrückt <3 ich drück dich, liebe grüße :)

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